Zwölfter Oktober 1492. Dieses Datum ist allgemein bekannt. In der Schule war es das Datum, das mit dem Beginn der Neuzeit gleichgesetzt wurde, Bücher kreisen darum, und so mancher Film hatte es zum Thema. Der 12. Oktober 1492 war der Tag, an dem Christoph Kolumbus, nachdem er sich um eine halbe Hemisphäre verrechnet hatte, versehentlich die beiden Amerika entdeckte. Was die Schule allerdings nicht vermittelt: Die drei Schiffe des Kolumbus segelten siebzehn Tage später, am 29. Oktober, in die geschützten Gewässer der Bahia de Gibara von Kuba. Da der Genuese durchaus ein weitblickender, aber auch ein vorsichtiger Mann war, schickte er zwei Matrosen an Land: Rodrigo de Jerez und Luis de Torres. Hier -und nicht auf der Bahamainsel San Salvador, wie oft fälschlicherweise berichtet wird – geschah es: Zwei spanische Abenteurer trafen auf eingeborene Männer und Frauen, die etwas rauchten, das höchstwahrscheinlich die erste Version einer Zigarre war. Und es waren Havannas! Natürlich unterschieden sich diese Zigarren von den heutigen, denn sie waren aus rohen, gedrehten Blättern von unbehandeltem Tabak gefertigt, während getrocknete Maishülsen als »Deckblätter« dienten. Der geschätzte Umfang der Zigarren betrug Armstärke. Weiter ist überliefert: Rodrigo tat einige Züge und wurde so zum ersten europäischen Zigarrenraucher in der Geschichte. Acht Tage später, am Dienstag, dem 6. November, wurden Rodrigo und Luis erneut an Land gesetzt, diesmal auf der Insel San Salvador. Und wieder fanden sie »Indianer« vor – so nannte sie Kolumbus, der ja der Meinung war, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben -, welche die gleichen in so roher Manier hergestellten Zigarren rauchten.
Kolumbus brachte neben seinen neuen Kenntnissen auch einige Tabakblätter mit zurück nach Spanien – und schon bald war das Zigarrenrauchen Nouvelle culture in der spanischen Gesellschaft. Kurze Zeit später wurde der Brauch aus der Neuen Welt in Portugal übernommen. Aufgrund der hohen Tabakkosten blieb er jedoch der besseren Gesellschaft vorbehalten (was noch heute für die handgerollte Zigarre zutrifft). Aus irgendwelchen Gründen behielten Spanier wie Portugiesen die Entdeckung des Tabaks für sich, und während der nächsten drei Jahrhunderte waren Zigarren außerhalb der Iberischen Halbinsel selten.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war dann die Zigarrenherstellung dennoch ein wichtiger Produktionsfaktor geworden, und so wurden Eine europäische »Zigarren-Boutique« aus dem frühen 19. Jahrhundert. Ein Accessoire für den Gentleman aus dem vorigen Jahrhundert: Wenn man oben am Knopf dreht, springen die kleinen Türen auf, wobei jede eine Zigarre freigibt.
1731 die »Königlichen Manufakturen von Sevilla« ins Leben gerufen, um die wachsende Industrie in den Griff zu bekommen. Um die Mitte desselben Jahrhunderts brachten holländische Händler die Zigarre in ihre Heimat, und schließlich gelangte sie sogar nach Russland. Dort ließ Katharina die Große ihre Zigarren mit feinen Seidenbändern umwickeln, damit ihre erlauchten Finger keine Nikotinflecken vom Rauchen bekamen. Dieses ebenso einfache wie geniale Hilfsmittel war der Vorläufer der Bauchbinden, wie sie heute allgemein bekannt sind.
Und Amerika? Es bedurfte eines britischen Seeoffiziers, um den Zigarrentabak dorthin zu bringen – sein Name: Israel Putnam. Als der Colonel 1762, nach Beendigung des Krieges gegen Kuba, unter König George III. in die Kolonien zurückkehrte, brachte »Old Put« (wie er später während des Amerikanischen Bürgerkriegs genannt wurde) drei Eselladungen Havanna-Zigarren mit. Zu dieser Zeit waren die amerikanischen Rebellen jedoch schon völlig von ihrem eigenen Tabak eingenommen, der in Pfeifen geraucht wurde – und so blieb das Rauchen von Zigarren in der jungen Republik bis ins frühe 19. Jahrhundert weitgehend unbekannt (und spielte bis zu den fünfziger Jahren jenes Jahrhunderts keine bedeutende Rolle). Obwohl Kuba nur ein Jahr lang unter britischer Herrschaft stand (1763), genügte dieser kurze Zeitraum, um für den Havanna-Tabak die Tore Europas zu öffnen und dem süßen, erdigen Aroma dieser Blätter Einlass zu gewähren. Solch Geschmack und Empfindung kannten nur wenige auf dem Kontinent, abgesehen natürlich von den Spaniern, Portugiesen und Holländern. Die Verlockungen dieses scharfen Duftes breiteten sich weiter aus, als französische Truppen 1808 Spanien besetzten und die Soldaten Napoleons kubanische Zigarren »aus erster Hand« kennenlernten. Das war jedoch nicht die erste Begegnung der Franzosen mit Havannas. Während der Kämpfe gegen die Briten requirierte ein gewisser Antoine Depierre 1793 ein aus Havanna kommendes holländisches Handelsschiff und schaffte es in einen französischen Hafen. An Bord waren – natürlich – Zigarren! Sie wurden sofort zum Riesenerfolg bei jedem, der das Glück hatte, eine zu ergattern. Als schließlich die französische Regierung erkannte, welche Einnahmen da zu machen waren, gründete sie 1811 das »Staatliche Tabakmonopol«, begann jedoch erst 1816, nach Beendigung des Krieges mit Großbritannien, mit der Zigarrenproduktion.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich die Zigarrenproduktion auf Italien und die Schweiz ausgeweitet. Und im Jahre 1810 wurde schließlich die erste Zigarrenfabrik in Amerika gegründet. Das war zu der Zeit, als Tonpfeife und Schnupftabak bei den Rauchern gang und gäbe waren, und obwohl die Zigarre der viel angenehmere Weg war, »Tabak zu sich zu nehmen«, dauerte es eine Weile, bis sie gesellschaftsfähig wurde – um dann, jenseits des Atlantik, während des »goldenen« Viktorianischen Zeitalters, nach und nach eine Aura von Prominenz und Respektabilität zu erhalten. Wurden 1823 nur 15 000 Zigarren nach ganz Großbritannien importiert, so war die Zahl um 1840 auf 13 Millionen emporgeschnellt – das Rauchen von Zigarren war eindeutig im Kommen. Da eine Zigarre viel teurer war als eine Pfeifenfüllung, wurde sie gleichzeitig zum Symbol für Eleganz und Reichtum – für den Tabakgenießer ein Rauchzeichen im wahrsten Sinne des Wortes dafür, zu den erfolgreicheren Bewohnern der zivilisierten Welt zu gehören.

